Vorwort
Ursprünglich hatte der "Orchesterverein Harmonie Ormesheim" (OHO) eine Konzertreise nach Ecuador geplant. Diese Reise sollte aufgrund einer Einladung der Dt. Botschaft Quito stattfinden. Ca. 2 Monate vor Beginn der geplanten Konzertreise bekam der OHO eine e-Mail aus Quito mit der Information, dass die Reise nicht stattfinden könne. Laut Herrn Behrens von der Dt. Botschaft Quito sei die Sicherheitslage in Ecuador "derzeit ungünstig für eine Konzertreise".
In Absprache mit dem Hauptorganisator dieser Konzertreise, dem CDU-Bundestagsabgeordneten Herrn Albrecht Feibel, konnte als Alternative eine Reise nach Argentinien ermöglicht werden. Wesentliche Vorbereitungen zur Ecuadorreise konnten für die Konzertreise nach Argentinien übernommen werden, allerdings unterlag die Planung "vor Ort" einem erheblichen Mehraufwand. Wesentlicher Unterschied zur Planung der Konzertreise Ecuador gegenüber der Konzertreise Argentinien gab's bei den Punkten "Konzerte", "Programm" und "Unterbringung". Sollte in Ecuador dies ausschließlich von der Deutschen Botschaft übernommen werden musste für die Argentinienreise von Deutschland aus organisiert werden. Das Programm der Reise konnte in Zusammenarbeit mit Frau Schmid-Pusterla, einer Mitarbeiterin der Dt. Botschaft in Buenos Aires realisiert werden, für die Konzerte und Unterbringungen konnten wir Herr Luciano Carbone und Herr Horacio Ceballos engagieren.
Durch diese Umplanung wurde das finanzielle Engagement der Konzertreise erheblich angehoben. Trotz allem ist es uns, nicht zuletzt durch den gewaltigen Einsatz von Herrn Feibel und Frau Ramona Lambing vom Reisebüro "F&T" , gelungen eine erfolgreiche Konzertreise nach Argentinien zu realisieren.
Reisebericht
Treffpunkt Gasthaus Niederländer / Ormesheim. Unser Vereins- und Probelokal war Ausgangspunkt der Konzertreise nach Argentinien. So gegen 0005 Uhr kamen die ersten MusikerInnen um ihre Instrumente in den eigens dafür vorgesehenen Boxen zu verstauen. Gegen 0200 Uhr fuhr ein Reisebus, ein kleiner LKW und ein Kleinbus vor. Nach einer weiteren Stunde waren die 5 Transportboxen sowie das persönliche Reisegepäck verstaut, ein letztes Glas "Becker Bier" getrunken und die zu Hause bleibenden verabschiedet. Um 0300 Uhr machten wir uns auf den Weg nach Frankfurt.
45 MusikerInnen, 45 Koffer (manche davon mit Rekordgewicht) und 5 große Kisten für unser Schlagzeug sowie die anderen Instrumente checkten um 05.30 Uhr für den Flug über den großen Teich ein. Um 0700 Uhr startete der OHO zum ersten mal in seiner 25 Jährigen Vereinsgeschichte, "per Flugzeug" zu einer Konzertreise ins 15 Fugstunden (mit Zwischenlandung in Madrid) und 14.000 Km entfernte Argentinien. Zur Startbahn rollend sahen wir mit Schrecken die 5 Kisten mit Instrumentarium noch neben dem Flugzeug stehen. Nicht wirklich beruhigend war die Ansage des Flugkapitäns das unsere Kisten, weil nicht mehr ins Flugzeug passend, per Luftfracht nachgeliefert würden. Die 12 Stunden (Madrid - Buenos Aires) von 15.30 Uhr bis 22.30 Uhr (Ortszeit) - bei uns ist es eigentlich schon 3.30 Uhr! - verbrachten wir mehr oder weniger gemütlich in einer 747-200 der Aerolineas Argentinas.
Erstes Ziel unserer Konzertreise war "Buenos Aires", kurz BsAs. Tourmanager Luciano Carbone, von Stockholm kommend und in Madrid zugestiegen, hatte sich auf dem Flug kurz zu erkennen gegeben. Albrecht Feibel, Initiator der Reise empfing uns, mit einem ausgefüllten "Drei-Tage-BsAs-Programm" in der Tasche zusammen mit Horacio Ceballo, am Flughafen. Fahrt zum Hotel "Ushuaia" in der Stadtmitte, ein erstes argentinisches Steak und dann nach 52 Stunden auf den Beinen nur noch ins Bett.
Am Morgen des ersten Tages in BsAs, die Sonne schien bei angenehm frühlingshafter Temperatur, stellten sich uns erst einmal die "Zuständigen" vor. Luciano Carbone, gehbürtiger Argentinier und seit 8 Jahren in Stockholm lebend, war fürs "Ganze vor Ort" zuständig, Horacio Ceballo, In BsAs geboren und dort wohnend, war Organisator der Konzerte, Frau Schmid-Pusterla, Mitarbeiterin und "Gute Seele" der Dt. Botschaft war zusammen mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Albrecht Feibel für die Programmgestaltung in BsAs und alle "kleinen Probleme" zuständig.
Unser erster musikalischer Auftritt am nächsten Tag in der Bonifaziuskirche, einer katholischen Gemeinde hier in BsAs, fiel leider aus da unsere Instrumente noch in Rio de Janeiro / Brasilien weilten. Trotzdem empfingen uns Pater Benninger gemeinsam mit seinen Gemeindemitgliedern sehr herzlich und bewirtete uns mit einem landestypischen Asado (Grillfest). Für uns ein idealer Auftakt, da wir über den Pater und die anderen Anwesenden wissenswerte Informationen über Land und Leute erhielten. Unser Konzert zum Deutschlandtag am "Colegio Alemán Pestalozzi" vor ca. 250 bis 300 Schülern mit den mittlerweile eingetroffenen Instrumenten war ein erster Eindruck über die Begeisterungsfähigkeit unserer Zuhörer, auch wenn diese im Durchschnitt erst 8 - 12 Jahre alt waren.
Deutschlandtag an der "Pestalozzi-Schule"
Direktorin Frau Frey-Krummacher ermöglichte den MusikerInnen des OHO an Schulstunden und Theateraufführungen teilzunehmen und diese mitzugestalten. Wir wurden von den SchülerInnen der 10. Klasse auf dem Innenhof der Schule mit einem Büffet empfangen.
Im Rahmen des Deutschlandtages hatten wir die Gelegenheit uns mit den SchülerInnen, deren Eltern, Verwandten und Angehörigen ausgiebig über "Land und Leute" auszutauschen. Eine Rückverpflichtung ähnlicher Art in Deutschland haben wir angedacht.
Besuch an der "Goethe-Schule Buenos Aires"
Eine Gruppe von MusikerInnen des OHO nahm an einer Vorlesung der Goethe-Schule teil. In dieser Vorlesung referierte Herr Albrecht Feibel über "Politik". Auch hier hatten die MusikerInnen des OHO ausgiebig Gelegenheit sich über Lehrmethoden, Unterrichtsthemen und vieles mehr zu informieren. Einige der Teilnehmenden haben anschließend ihr Interesse an einem Schüler-Austauschprogramm der nächsten Jahre bekundet.
Weitere Programmpunkte in BsAs waren: eine Stadtrundfahrt mit Besichtigung der Grabstädte von Eva Peron "Evita" im Stadtteil Recoleta und dem Künstlerviertel "La Boca" (sehr touristisch, aber dennoch sehenswerte Gasse mit bunt angemalten Blechhütten), an der Plaza Mayo machten wir kurz halt, um einen Blick in die Kathedrale zu werfen, Abends eine Tangoshow, am zweiten Tag eine Bootfahrt durch die Mündungsarme des Rio Paraná, an denen die Portenos, die Einwohner von Buenos Aires, ihre Wochenend- und Ferienhäuser haben. Zwischendurch immer wieder Shopping und Sightseeing durch die von Taxen und Bussen dominierten Straßen der 13 Millionen Stadt. Dank der Wirtschafts- und Währungskrise 2001 verfällt selbst der arme Studenten dem Shoppingwahn.
Am Mittwoch 20.10.2004 flogen wir von BsAs Richtung "Anden" nach "San Juan". Aufstehen war schon um 03.30 Uhr angesagt. Manche waren überhaupt nicht im Bett, die anderen auf jeden Fall viel zu kurz. Unsere Instrumente wurden mit dem LKW befördert, da die Ladeluken der Flugzeuge unserer Inlandsflüge zu klein waren. Nachdem wir das Hotel "Al Christal" in San Juan bezogen hatten, war bei den einen Siesta angesagt, bei den anderen Stadtbummel. San Juan kommt einem gegen Buenos Aires richtig provinziell vor, ruhig und beschaulich und hat auch ein ganz anderes Flair. Nach einem Gang durch die Fußgängerzone wurde die argentinische Küche mit "Lomo" (= Lendensteak), Ensalada und "Empanadas" (= gefüllte Teigtaschen) und diversen "Postres" (= Nachspeisen) ausgiebig getestet und für gut befunden.
In Argentinien ist alles ein bisschen anders. Im Norden ist es warm, im Süden kalt. Die Sonne dreht sich andersherum und auch der Tagesablauf ist ein anderer. Der Durchschnittsargentinier geht erst zwischen 9.00 und 10.00 Uhr arbeiten, macht mittags drei bis vier Stunden Siesta, geht abends ab 22.00 Uhr essen - eher erst ab 23.00 Uhr - und so beginnt auch das Nachtleben entsprechend später.
Unser erstes Abendkonzert spielten wir in dem vielleicht schönsten Konzertsaal in dem der OHO je aufgetreten war. 2130 Uhr war Konzertbeginn, was in Argentinien durchaus üblich ist. Begeistert nahmen die ca. 800 Konzertbesucher im "Mozarteum" unsere Musik auf, ein für uns so nicht erwarteter musikalischer Erfolg. Waren die Argentinier anfangs auch noch etwas zurückhaltend, so schwappte die Welle der Begeisterung spätestens bei unserem "Tango Argentina" über. Dass man nach der 4. Zugabe von der Bühne gehen muss, damit die Zuhörer endlich heimgehen, mussten wir auch erst noch lernen.
Von San Juan fuhren wir zur Abwechselung mal mit dem Bus, seit Neustem fliegt der OHO ja nur noch, zur deutschstämmige Ortschaft "Villa General Belgrano" und spielten im benachbarten "Valle del Dique" ein Freiluftkonzert vor ca. 300 Besuchern. Egal, wo wir spielten, ob drin oder draußen, ob für Jung oder Alt, ob für 250 oder 1200 Zuhörer, spätestens mit dem "Tango" hatten wir das Publikum immer in der Tasche. Mit unseren deutschen Märschen und Volksliedern konnten sie wohl nicht so viel anfangen. Es sei denn, wir haben gesungen wie beim Steigermarsch. Zum Abendessen blieben alle im Hotel und wir ließen den Abend bzw. die Nacht gemütlich mit "Vino tinto" und viel Musik ausklingen.
Am nächsten Tag fuhren wir nach "Rio Cuarto", wo wir ein Konzert in einer alten Markthalle gaben, ein Benefiz - Konzert. Die ca. 800 Konzertbesucher bezahlten ihren Eintritt in Form einer Lebensmittelspende die anschließend an Notleidende und Bedürftige weitergeleitet wurde. Zuvor ließen wir uns von Luciano zu einem "Rudelessen" in einer "Parilla" (mittlerweile wussten wir, dass es "Parischa" gesprochen wird!) überreden. Eine "Parilla" ist eine ganz bestimmte, typisch argentinische Art von Restaurant, in der es überwiegend - die Vegetarier freuten sich da immer - Fleischgerichte gibt. Das "asado" gehört mit seinen am offenen Feuer aufgestellten Rippenstücken zu den Nationalgerichten, die dort serviert werden. Die anschließenden Nachmittagsstunden konnte jeder mal wieder zur freien Verfügung nutzen. Typisch!!! Wenn Siesta war und alle Geschäfte geschlossen hatten, dann hatten wir frei. Wir nutzten die Gelegenheit, die kleine Stadt zu erkunden, die von ihrem Stadtbild und dem Baustil her wieder ganz anders aussah als Valle del Dique oder San Juan.
Tags darauf flogen wir in den warmen Norden, den ärmsten Teil Argentiniens, nach "Tucumán".
Dass es im Norden des Landes wärmer ist als im Süden, merkten wir schon beim Verlassen des Flugzeugs. Unser Hotel in der Innenstadt namens "Dallas" hätte von uns keine 3 Sterne bekommen, aber wir verbrachten ja doch nur die Nacht - und die war meistens eh so kurz - in den Zimmern. Das eine oder andere Bett blieb auch immer mal unbenutzt! Der Nachmittag verlief wie schon einige vorher: Essen gehen, für wenige Pesos ein großes 500-800g Steak, einen Stadtbummel machen und einige Einkäufe erledigen. Vielleicht noch ein Mittagsschläfchen, Schlaf kann man es wegen der Kürze der Zeit nicht nennen! Und auch der Abend verlief in gewohnter Manier. Gegen 19.30 Uhr war immer Aufbruch im Hotel, denn wir mussten am Konzertort erst mal ausladen, aufbauen, uns einspielen, kurze Anspielprobe und dann warten? Auch hier ging es erst gegen 22.15 Uhr los - der Argentinier kommt nämlich meist etwas zu spät, da er sich nicht von der Uhr bestimmen lassen möchte. Wir spielten in einem schönen alten Theater mit blauen Plüschsesseln und 3 Emporen vor etwa 250 Zuhörer. Die Stücke, bei denen wir am meisten fürchteten, dass sie nicht ankommen, weil wir sie so europäisch spielen, riefen die größte Begeisterung hervor. Die Tangos! Nach dem Konzert abbauen, Instrumente in den LKW und dann zum Essen in eine typisch argentinische "Parilla". Um 0200 Uhr nachts noch Steaks für 45 Leute? In Argentinien kein Problem!
Am nächsten Tag machte sich ein Teil unserer Truppe mit einem Kleinbus auf den Weg in die Berge. Drei der umliegenden Berge - heute leider in den Wolken - konnten wir so erkunden und dabei ein bisschen die Natur bewundern. Mit mehreren Haltestationen landeten wir schließlich auf dem Berg San Javier, von dem aus man einen herrlichen Blick auf Tucumán hat, wenn man denn was sieht? Luciano führte uns um 13.30 Uhr - normale Mittagessenszeit - in ein typisch argentinisches Restaurant, wo man sehen konnte, dass die Argentinier ihren Sonntag Mittag mit Kind und Kegel beim Auswärts Essen verbringen. Entsprechend trubelig war das Ganze, aber überhaupt nicht störend, sondern eher unheimlich gemütlich. Ein ausgezeichnetes Essen, ein paar Gläser vino und der Tag war gerettet. Zum Abschluss der Tour schauten wir uns noch kurz in der Stadt das Haus an, in dem Argentinien "geboren" und wo 1816 die Unabhängigkeitserklärung von Spanien unterzeichnet wurde.
Abends dann das wohl ergreifendste Konzert dieser Reise, in einer alte Kirche in dem kleinen Städtchen "Monteros" (ca. 20 min Busfahrt von Tucumán), im Anschluss an einen Gottesdienst. Etwa 1200 Leute nahmen unsere musikalischen Vorträge in einer begeisterten Art auf, wie wir es bis dahin noch nie erlebt hatten. Sowohl die geistliche als auch vor allem die - extra gewünschte - weltliche Musik (der "Morricone" kommt schon ganz gut in einer Kirche!) kamen so gut an, dass wir das Publikum nur mit Mühe wieder "loswurden". Loswerden natürlich im positiven Sinn, denn so viel Begeisterung würden wir uns auch bei unseren Konzerten hier in Deutschland mal wünschen. Recardo Steinshläger, Kulturattache von Tucumán legte uns nach der 4. Zugabe nahe einfach unsere Instrumente zusammen zu packen und zu gehen. Wir waren dort etwas besonders, wir fühlten uns ein bisschen wie Popstars. Danach wurden wir noch zu einem Umtrunk eingeladen bei dem man uns einige folkloristische Tänze vorführte.
Nach einer Woche Konzertreise und nach einem Ruckzuck-Frühstück ging es mal wieder zum Flughafen. Einchecken, Zoll, erstaunte Zöllnergesichter bei unseren Musikinstrumenten im Handgepäck, Boarding. Mittlerweile sind wir zu Vielfliegern geworden und den Ablauf schon gewöhnt. Nach 1 3/4 Stunden Flug waren wir wieder in Buenos Aires und es war so ein bisschen wie heimkommen, denn das Hotel "Ushuaia" und die unmittelbare Umgebung kannten wir ja schon. Auch zurückgelassene Schuhe wurden im Hotel wieder gefunden. Mittlerweile ist es üblich, dass irgendeiner in irgendeinem Hotel etwas vergisst. Von Rasierapparaten, Ringen, Ausreisepapieren über Schuhe bis zu ganzen Anzügen könnten wir in jeder Stadt etwas abholen.
Ausnahmsweise hatten wir mal einen musikfreien Abend - war auch mal schön - und nutzten den Nachmittag und Abend zum Shoppen, Stadt anschauen, Eindrücke sammeln und essen gehen. Spätestens nach einer guten Woche war der halbe Orchesterverein mit neuen Lederjacken ausgestattet, denn Lederartikel sind hier in Argentinien nur halb so teuer wie bei uns in Deutschland. Also wurde kräftig für Umsatz gesorgt. Dass man in Buenos Aires nicht nur hervorragende Steaks essen kann, sondern die Portenos auch eine Vorliebe für mit kiloweise Mozzarella belegte Pizza haben, erfuhren wir heute Abend. Der "Absacker" fiel heute etwas kürzer aus bzw. bei manch einem, der gar nicht erst ins Bett ging, etwas länger, denn wir hatten mal wieder eine kurze Nacht vor uns.
Dienstag 26.10.2006. Um 4.30 Uhr klingelte der Wecker. So langsam wehrte sich der Körper gegen den Schlafentzug und das Aufstehen fiel richtig schwer! Bei vielen fiel das Frühstück aus, eine halbe Stunde länger schlafen war wichtiger. Außerdem gab es ja auch im Flugzeug die obligatorischen media lunas und `ne Tasse Kaffee. Um 07.15 Uhr starteten wir auf dem nationalen Flughafen in Buenos Aires Richtung Westen und landeten zwei Stunden später in "Neuquen" (Neoken gesprochen) bei strahlendem Sonnenschein. Das kleine Universitätsstädtchen liegt, umschlossen von brauner Pampa, im Norden Patagoniens und hatte nur 8°C zu bieten, als wir um 09.00 Uhr landeten. Aber durch die Sonne war es angenehm. Aufgeteilt auf drei Hotels dauerte das Eincheck-Procedere etwas, so dass wir erst gegen Mittag losziehen und die Stadt erkunden konnten. Schließlich musste man ja die Siesta und Schließzeiten der Geschäfte immer mit einkalkulieren. Neuquen mit seinen 120000 Einwohnern ist eine saubere, übersichtliche, kleine Stadt, in der man sich gut ein paar Stunden aufhalten konnte. Wieder mal ein ganz anderes Stadtbild wie beispielsweise Tucumán. Der Geist schrie nach Input, aber der Körper nach Schlaf, so dass nach einem Stadtbummel und Essen auch noch etwas Siesta angesagt war, denn für abends mussten wir ja wieder fit sein. Auch zum Konzert im Stadtkino, angekündigt durch große OHO-Plakate, Zeitungsartikel, Radio- und Fernsehspots, kam entsprechend viel Publikum, ca. 800 Besucher jeden Alters. Da wir am nächsten Tag morgens kein Programm hatten, war noch ausgiebiger Ausgang vorgesehen, der sich wie so oft bis in die frühen Morgenstunden zog.
Bis 09.00 Uhr schlafen, welch ein Luxus!!!
Dass wir mittlerweile sehr flexibel waren und uns schnellstmöglich auf diverse Planänderungen einstellen konnten, mussten wir heute mal wieder unter Beweis stellen. Eigentlich hätten wir zwei Nächte in Neuquen bleiben sollen, aber die Konzertveranstalter waren sich nicht so ganz einig, weshalb wir die zweite Nacht in "General Roca", wo abends auch das Konzert stattfand, verbringen sollten. Den Morgen hatten wir also noch zur freien Verfügung, waren bummeln und haben im Stadtpark die Sonne genossen, aber mittags hieß es schon wieder Kofferpacken und mit dem Bus ins 50 km entfernte Roca fahren. Dort angekommen und im Hotel eingecheckt - diesmal sind wir auf "nur" zwei Hotels aufgeteilt - waren mal wieder alle Geschäfte zu und wir hatten eigentlich nur einen Wunsch: etwas essen! Aber auch die Restaurants machen gegen 15.00 Uhr Siesta, so dass wir die Möglichkeit nutzten, "bife de lomo", "chorizo" und "pollo" einzukaufen und im Hotel zu grillen. War mal was Neues, hat gut geschmeckt und vor allem Spaß gemacht. Einen gemütlichen Nachmittag verbrachten wir so im Hotel mit essen, schlafen, draußen sitzen, erzählen und die Sonne genießen - wir haben allerdings festgestellt, dass es ziemlich windig in Patagonien ist. Dann wieder das fast allabendliche Ritual, rein in die schwarzen Klamotten und mit dem Bus in die Stadt, wo um 22.00 Uhr unser Konzert vor etwa 500 Leuten stattfand. Die Halle war von der Akustik her nicht so überragend, aber trotzdem hat es mal wieder dank des Publikums viel Spaß gemacht. Sogar jeden Abend gleiche Programm spielen wird nicht wirklich langweilig, denn es klingt in jedem Konzertsaal anders und das begeisterte Publikum reißt uns mit. Nach dem ebenso allabendlichen oder sollte man eher sagen allnächtlichen Essen stand uns mal wieder eine kurze Nacht bevor. Der nächste Tag war nämlich wieder Flugtag!
Nach nur 4 Stunden Schlaf klingelte um 06.30 Uhr ziemlich unbarmherzig der Wecker. Zum Frühstück brauchten einige einen Kaffee als "Hallo wach". Um 08.00 Uhr war Abfahrt zum Flughafen nach Neuquen, wo das Flugzeug nicht zum ersten Mal auf uns warten musste. War es nicht das Einladen der Kisten, wegen dem sich der Flug verspätete, dann waren wir es als Gruppe und der lange Check-in, die alles verzögerten. Da es keinen Direktflug nach Bahia Blanca gab, mussten wir einen "kleinen" Umweg über Buenos Aires machen, um zum südlichsten Punkt unserer Konzertreise zu gelangen. Die 3 Stunden Aufenthalt in BsAs nutzten wir - wir hatten ja wieder mal ein Superwetter -, um am Ufer des Rio de la Plata ein bisschen zu relaxen, Sonne zu tanken, zu lesen, Flugzeuge zu beobachten und die Seele baumeln zu lassen. Daheim regnete es bei 11°C und wir saßen im argentinischen Frühling bei 25°C in der Sonne. Tat richtig gut!!!
Nachmittags sind wir dann zum zweiten Mal für diesen Tag geflogen. Ab in den Süden, nach "Bahia Blanca", ans Meer! Vom Flugzeug aus konnte man schon sehen, dass das Land hier sehr grün ist. Wir waren halt im fruchtbaren Süden von Argentinien. Vor dem Abendkonzert blieb uns ein bisschen Zeit für Siesta im Hotel "Bahia" oder was man sonst noch so mit der wenigen Freizeit anfangen wollte, und dann war schon wieder "rein in die Kleider und in den Bus" angesagt.
Ein Konzert im Stadttheater, einem sehr schönen, stilvollen, alten Theater, noch eine Nummer prächtiger als das Theater in Tucumán. Anschließend eine offizielle Begrüßung durch den Stadtratspräsidenten Dr. Cristian Breitenstein und ein gemeinsames Essen mit den MusikerInnen des heimischen "Sinfonieorchesters". Die MusikerInnen des Sinfonieorchester hatten mit Begeisterung unseren Auftritt in "ihrem Theater" verfolg und wollten uns nicht so recht glauben, dass wir ein reines Amateurorchester sind. Nach dem gemeinsamen Essen packten einige Musiker des Sinfonieorchesters ihre mitgebrachten Instrumente aus, unsere waren leider schon mit Diego und seinem LKW unterwegs nach BsAs, und gaben spontan in dem kleinen Restaurant eine "Jam-Session" für uns. Ein denkwürdiger Abschluss für unsere Konzerttournee, denn das Konzert in Stadttheater von Bahia Blanca sollte unser bisher letzter Auftritt in Argentinien sein.
Jugend Sinfonieorchester Bahia Blanca
Musikalischer Leiter des OHO, Bundesmusikdirektor Bernhard Stopp und einige andere MusikerInnen besuchten eine Probe des Sinfonieorchester. Die musikalische Kritik über die vorgetragenen Werke, positiv wie auch negativ, wurden vom Dirigenten und den MusikerInnen des Sinfonieorchester aufgenommen und umgesetzt. Darüber hinaus haben wir uns geeinigt innerhalb der nächsten 2-4 Jahren gemeinsam eine Konzertreise anzustreben, in Deutschland oder Argentinien.
Freitag 29.10.2004. Wenn es nicht so schön wäre, wäre es fast schon langweilig, denn bis auf den einen Regentag in Tucumán hatten wir bisher nur Sonne! Auch heute stand uns wieder ein sonniger Tag bevor. Und wenn wir dann schon mal am Meer waren, es draußen herrlich warm war und wir vor allen Dingen mal länger Freizeit hatten, wollten wir natürlich die Gelegenheit für einen Strandbesuch nutzen. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt? Vor allem auf dieser Reise! So warteten wir erst mal auf einen neuen Bus, denn der erste hatte einen "Platten". Aber auch mit Taxen war nicht so einfach ans Wasser zu kommen, so dass der Strandausflug mit einer langen Taxifahrt und einer Hafenbesichtigung endete. In Argentinien ist halt alles etwas anders als zu Hause! Da unser Konzert an diesem Abend leider wegen eines Trauerfalls in der Gemeinde ausfallen musste, hatten wir ganz unverhofft viel Zeit.
Nach einer mal wieder viel zu kurzen Nacht klingelte heute Morgen, Samstag 30.10.2004 um 06.15 Uhr der Wecker. Unser letzter Inlandsflug führte uns heute wieder zurück nach Buenos Aires, wo wir die letzten 1 1/2 Tage verbrachten. Zum dritten Mal empfing uns das Hotel "Ushuaia" - das "Uschi" - und wieder gab es einiges zu besprechen. So kurz vor dem Heimflug waren mal wieder unsere Instrumentenkisten das Thema. Denn nun waren sie glücklich hier gelandet, waren über 6000 km durchs Land mit dem LKW gefahren worden, aber nun mussten sie auch wieder mit dem Flugzeug heimtransportiert werden. Auch unser für die Konzertreise letztes geplantes Konzert musste ausfallen, da der Sponsor finanzielle Probleme hatte. Schade, denn so fehlte uns irgendwie ein musikalischer Abschluss dieser Reise. Ein Großteil unserer Gruppe ging heute Abend zusammen in eine kleine Parilla für ein Abschlussessen. Die letzten 500g-Steaks, die letzten "Empanadas", zum letzten Mal "dulce de leche" (eine Karamellcreme) als Nachtisch, der letzte Vino tinto. Nach dem Essen verlief sich dann alles ein bisschen, wobei einige einen "Absacker" trinken waren, manche wollten Tango tanzen gehen und wieder andere suchten eine der Discos in Buenos Aires auf. Sie mussten dabei aber die Erfahrung machen, dass man in den Discotheken - zumindest in dieser war es so - zunächst mal sitzt und isst bis etwa 01.00 Uhr. Und erst ab 01.30 Uhr wird alles beiseite geräumt und dann getanzt. Andere Länder, andere Sitten! Auf dem Heimweg sahen wir einige Halloweenmasken. Stimmt, das gibt es ja auch noch. Aber irgendwie kam man bei diesen Temperaturen und in diesem Ambiente so gar nicht in Halloweenstimmung.
Wieder ein SONNtag. Einer von vielen Sonnentagen hier in Argentinien. Obwohl die Nacht mal wieder viel zu kurz war, ist die Zeit zum Schlafen zu schade, denn unsere letzten Stunden in Argentinien waren angebrochen. Der Morgen wurde also von dem Einen oder Anderen doch zum Ausschlafen, Packen - Herrje, wie kriegt man nur die ganzen gekauften Dinge im Koffer unter - und Bummeln genutzt. Ein letzter Gang an den Hafen oder den Rio de la Plata. Ein letztes Mal die argentinische Sonne genießen. Ein letzter Gang durch die sonntäglich ruhigen Straßen. Und dann hieß es um 11.30 Uhr Abfahrt zum Flughafen. Diesmal dem internationalen. Unsere Instrumentenkisten trafen glücklicherweise auch irgendwann ein und so konnten wir zum letzten Mal das Eincheckzeremoniell hinter uns bringen. Abschiednehmen von Diego, unserem LKW-Fahrer, von Luciano und Horacio. "Adios Buenos Aires - Adios Argentinien".
Um 14.30 Uhr stiegen wir ein letztes Mal in eine Maschine der Aerolineas Argentinas. 12 Stunden Flug, über 12500 km Distanz und uns empfing ein europäisch herbstliches Madrid. Drei Stunden Aufenthalt bis zur Bordingtime für den Flug Madrid - Frankfurt, die von den meisten wieder einmal zum Schlafen genutzt wurden. Um 10.15 Uhr, mittlerweile war es Montag der 01.11.2004, starteten wir dann Richtung Heimat, wo der gesamte OHO mit allen Koffern und Kisten (!!!) um 12.30 Uhr wieder deutschen Boden betrat.
Nachwort
"Alles in Allem" war diese Fahrt eine absolut perfekte Konzertreise!!!
Wir musizierten in den schönsten Konzertssälen und Theatern, vor einem begeisterten Publikum, wir lernten in kurzer Zeit ein uns bis dahin fremdes Land kennen. Wir werden viele positive Erinnerungen an diese Reise behalten, sowohl an das Land Argentinien, als auch an die Menschen, welche wir dort kennen gelernt haben.
Für mich, als Vorsitzender des OHO, war es eine wahre Freude dabei gewesen zu sein.
Fazit
Wir, die MusikerInnen des OHO sind davon überzeugt, dass wir ein hervorragender Botschafter eines deutschen Kulturgutes auf dieser Reise waren. Durch unsere musikalischen Darbietungen ist es uns gelungen, als Kulturträger Sympathien im Land zu wecken. Darüber hinaus haben wir etliche Kontakte zu den Menschen in Argentinien bekommen, welche auch in Zukunft haben sollen. Seit unserer Rückkunft sind schon einige Telefonate und e-Mails mit Argentinien geführt worden. Ich selbst erhielt schon mehrere Anrufe, in denen mir einstimmig bestätigt wurde, dass wir uns professionell, engagiert und zuvorkommend, sowohl bei unseren Konzerten wie auch bei den sonstigen Programmpunkten, verhalten haben.
Aber auch die Not und Armut im Land blieb uns nicht verborgen. Nicht nur durch unsere Benefiz-Konzerte konnten wir diesen bedauernswerten Zustand unmittelbar miterleben. Einen besseren Lebensstandard gewohnt, ist uns auf dieser Konzertreise auch bewusst geworden, dass den Menschen in Argentinien noch geholfen werden muss, sei es durch Entwicklungshilfe, durch wirtschaftliche Unterstützung oder durch Austauschprogramme. Wir werden sicherlich in den nächsten Jahren versuchen, einen - wenn auch nur bescheidenen - Teil dieser Hilfe mit zu übernehmen.
Es besteht die Absicht unsererseits, eine Partnerschaft mit einem argentinischen Orchester zu begründen und ggf. eine Gegeneinladung zu einer Konzertreise durch unsere Region einzuladen. Dazu sind auf dieser Reise die ersten Kontakte hergestellt worden. Auch unsere Orchestermitglieder haben neue Erkenntnisse und zahlreiche Erfahrungen gesammelt, die bestätigen, dass ein harmonisches Zusammenleben auf dieser Erde nur möglich ist, wenn sich die Menschen freundschaftlich begegnen, sich kennen- und verstehen lernen. Zu diesem Ziel hat unsere Konzertreise - die Sprache der Musik ist international - einen wichtigen Beitrag geleistet.
Vielen Dank an alle, die tatkräftig zum Gelingen dieser Konzertreise beigetragen haben.
"Adios, Pampa mia"
Text: Heike Engbarth / Thomas Hafner
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